Der Zauberer von Aux: Wer reißt die Ruine ab? Oder haben wir jetzt die Ruine der Ruine?

Das Parkhaus am Kongress am Park. Quelle: Ruth Rossel

Manchmal fühlt sich die Augsburger Kommunalpolitik an wie der Weg auf der gelbgestrichenen Steinstraße: Man läuft und läuft, sucht nach Verstand, Herz oder Mut, und am Ende steht man vor einem großen, grauen Vorhang. In unserem Fall war dieser Vorhang allerdings aus bröckelndem Beton und stand direkt am Kongress am Park. Das berühmt-berüchtigte Parkhaus. Ein Schandfleck, der seit gefühlten Ewigkeiten die Gemüter erhitzt. Seit Jahren hieß es hier: Nichts geht mehr. Baumängel, Einsturzgefahr, gähnende Leere. Ein Denkmal des Stillstands.

Die öffentliche Meinung hatte ihre Rolle im Stück schnell besetzt. Die Stadt Augsburg  musste die Böse Hexe des Westens sein! Warum tut die denn nichts? Warum lässt sie dieses Betonmonstrum im wunderschönen Wittelsbacher Park verrotten?

Doch wer genauer hinschaut, merkt: Die Hexe war in diesem Fall gar nicht so böse, sondern schlichtweg machtlos. Sie hatte keinen Zauberstab. Denn das Parkhaus gehört einer privaten Eigentümergemeinschaft. Und wenn sich die Zauberer im Lande Aux uneins sind – der eine will hoch hinausbauen, der andere querstellen –, dann sind der Stadt schlicht die Hände gebunden. Da hilft auch kein dreimaliges Zusammenschlagen der Hacken.

Auftritt: Der Smaragdstadt-Rebell

Und dann kam das vergangene Wochenende. Auftritt Bernhard Spielberger. Man kennt ihn in der Stadt – er ist kein unbeschriebenes Blatt, wenn es darum geht, die Regeln von Aux eher als… unverbindliche Empfehlungen zu betrachten. Schon zu Corona-Zeiten zeigte er eine ausgeprägte Allergie gegen Vorschriften, die ihm nicht in den Kram passten.

Während die Stadt noch über Paragrafen brütete, dachte sich Spielberger wohl: „Ich bin dann mal so frei.“ Er fackelte nicht lange, holte nun die Abrissbirne und schuf am Wochenende kurzerhand vollendete Tatsachen. Tabula rasa im Wittelsbacher Park! Ein Akt des zivilen Ungehorsams? Oder einfach der clevere Coup eines Mannes, der weiß, wie man die Gunst der Stunde nutzt?

Das Timing war meisterhaft. Augsburg hat eine neue Regierung im Rathaus, die sich im neuen Amt erst einmal umschauen und die Sessel warmreiten muss. Bevor die überhaupt den bösen Blick aufsetzen konnten, war die halbe Ruine schon Geschichte. Spielberger hat die Gunst der Stunde eiskalt genutzt, während die Bürokratie noch den Wecker stellte. Und das Paradoxe an der Geschichte? Alle klatschen Beifall!

Die Gunst der Stunde in Aux

Die Bürger freuen sich, dass der Schandfleck endlich verschwindet. Die neue Stadtregierung bekommt den Erfolg (wenn auch unfreiwillig) fast schon in die Schuhe geschoben – nach dem Motto: „Kaum im Amt, schon bewegt sich was!“

Am Ende zeigt sich: Die vermeintlich „böse Hexe“ Stadt ist eigentlich nur die Statistin in einem jahrelang währenden privaten Kleinkrieg. Man hätte vielleicht schon viel früher merken können, dass hier kein bürokratischer Zauber hilft, sondern nur jemand, der einfach den Bagger anwirft.

Spielberger hat das System ausgedribbelt und den Augsburgern das geliefert, worauf sie jahrelang gewartet haben – wenn auch auf der Tonspur des Wilden Westens (oder eben des Wilden Westens von Aux). Der Abriss ist zwar erst einmal wieder gestoppt – es gibt da nämlich auch noch einen weiteren Akteur (Jürgen Wowra), der gefühlt aus einem anderen Märchen stammt und sich wie Gollum aus „Herr der Ringe“ gebärdet, Stichwort: „Mein Schatz, mein Schatz“ – , aber der Beton-Mythos ist endgültig angeknackst. Wir lernen daraus: In Augsburg braucht man manchmal keine magischen roten Schuhe. Ein funktionierender Bagger tut es auch.

Derzeit: Abriss-Stopp! Der „Zauberer von Aux“ vs. „Aux-Gollum“.
Derzeit: Abriss-Stopp! Der „Zauberer von Aux“ vs. „Aux-Gollum“.

Aber halten wir bei aller Begeisterung für den schnellen Fortschritt kurz inne. Denn machen wir uns nichts vor: Der „Zauber von Spielberger“ ist nicht nur mutig, er agiert vor allem mit einer Währung, die in der Welt der Normalsterblichen nicht immer verfügbar ist. Während der Durchschnittsbürger bei einem Knöllchen schon nervös wird, ist für „Kaliber“ wie ihn eine mögliche Geldstrafe womöglich kaum mehr als eine lästige „Bearbeitungsgebühr“ für die eigene Willensdurchsetzung.

Wer das nötige Kapital hat bzw. bereit ist zu investieren, kann es sich leisten, die Spielregeln erst einmal zu ignorieren und die Konsequenzen später aus der Portokasse zu begleichen. Was also auf den ersten Blick wie ein heldenhafter Akt des „zivilen Ungehorsams“ aussieht, ist bei näherem Hinsehen eine knallharte Machtdemonstration: Wenn die Stadt die Hand nicht hebt, hebt man sie sich eben selbst – und zahlt das Bußgeld einfach als Investition in die Baufreiheit. In Augsburg führt eben nicht immer der Verstand oder das Herz zum Ziel, sondern oft genug das dicke Bankkonto. Ob das nun genial ist oder einfach nur die neue Art, wie man in der Fuggerstadt Stadtplanung betreibt, bleibt die bittere Pille, die man schlucken muss, wenn man sich über den Abriss freut.