Ich komme gerade aus Dänemark. Mangels deutscher Übertragungsrechte habe ich das WM-Aus unserer Nationalmannschaft im dänischen Fernsehen verfolgt. Diese paar Tage Abstand und der Blick aus einer komplett anderen Perspektive waren ein Segen. Sie ermöglichen es mir, so manchen Kommentator aus unseren Breitengraden – der noch vor dem Spiel überschwänglich jubelte und nach dem Abpfiff schreiend den Rausschmiss von Nagelsmann und Co. forderte – lediglich mit einem müden 😉 zur Kenntnis zu nehmen.
Es ist am Ende ein verdammt noch mal verlorenes Fußballspiel gegen Paraguay. Man könnte die immense Energie, die seit Montagnacht in diese Debatte investiert wird, wahrlich besser in die vielen drängenden Aufgaben stecken, die unsere Gesellschaft eigentlich dringend gelöst haben will.
Aber warum tun wir uns das an?
Es heißt oft, Frauen läsen deshalb so gerne die Yellow Press, weil sie bei den Schönen, Reichen, den Königshäusern, Stars und Sternchen sehen wollen, dass trotz Millionen auf dem Konto eben nicht alles in Butter ist. Es tröstet, wenn die Promis dieselben ganz normalen Sorgen haben wie jeder Mensch mit Durchschnittseinkommen.
Inzwischen frage ich mich: Ist der Fußballplatz nicht längst die Yellow Press des Mannes geworden? (Auch wenn natürlich längst Frauen mitgucken, aber diese Debatte wollen wir jetzt gar nicht erst aufmachen).
Hier passiert nämlich genau dieselbe Identifikation. Der Fußballplatz ist das kollektive Ventil: Wenn es in der Wirtschaft hakt oder es im eigenen Leben mal nicht rundläuft, dann konnte man sich früher verlässlich an der Nationalmannschaft hochhangeln. Gewinnt das Team, ist man plötzlich irgendwie selbst der Gewinner. Man sonnt sich im Glanz der Stars, als hätte man selbst auf dem Platz gestanden.
Verliert die Mannschaft aber, bricht ein ganz anderes Phänomen aus: Dann wird sofort die große Moralkeule geschwungen oder das schadenfrohe „Ich habe es ja schon immer gewusst!“ aus der Kiste geholt.
Nun sind wir an Tag zwei nach dem WM-Aus in USA, Kanada und Mexiko. Und in den Kommentarspalten brennt die Hütte. Plötzlich muss alles hinterfragt werden, der DFB, der Trainer, das System. Das Kuriose: Es sind teilweise Menschen, die man aus dem eigenen Umfeld kennt, die noch vor Tagen nach dem Einzug ins Sechzehntelfinale gar nicht genug kriegen konnten. Wer damals leise anmerkte, die Leistung sei spielerisch in der Vorrunde vielleicht doch nicht so berauschend gewesen, wurde sofort zurückgepfiffen: Nicht meckern, gefälligst freuen! Jetzt dagegen wird der Kübel voller Pech und Schwefel über allen ausgegossen. Der Witz an der Sache ist: Man kann sich so wunderbar daran abarbeiten – und die dringlichen Dinge, die man im eigenen Umfeld eigentlich zu erledigen hätte, einfach mal liegen lassen.
Nicht falsch verstehen: Es braucht wahrscheinlich wirklich eine tiefgreifende Reform, weil es im System schon länger krankt. Das Problem ist ein anderes: Mir fällt immer mehr auf, dass eine neutrale, reflektierte Betrachtung kaum noch stattfindet. Wer sachlich analysiert, dem wird sofort unterstellt, er sei negativ oder zerstöre die Stimmung, gilt auch im Kleinen, im Lokalen. Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß, Ekstase oder Totalabriss. Das ist das eigentliche Grundproblem.
Wenn nun die dänische Botschaft in Deutschland charmant mit dem dänischen Lebensgefühl „Pyt“ reagiert – was so viel bedeutet wie „Kopf hoch, Schwamm drüber, weiter geht’s“ –, dann ist das super süß. Ein schöner Anfang. Aber dieses eine Wort allein wird bei uns nicht reichen.
Es hat mit der Grundmentalität einer Nation zu tun. Und ja, eine gesunde Diskussionskultur macht uns mitunter auch aus. Aber man kann eine solche gesellschaftliche Basis durch permanente Überdrehung auch sukzessive zerstören. Das ist es, was mir wirklich Sorgen macht: Diese Debatten führen immer mehr zur Spaltung. Ob das in anderen Ländern auch so extrem ist? Ich weiß es nicht.
Ich für meinen Teil schaue jedenfalls weiterhin diese Weltmeisterschaft. Heute habe ich diese Bilder der Norweger gesehen – mein Gott, was für eine Freude! Auch die können gegen ihren nächsten Gegner Brasilien rausfliegen. Oder all die vermeintlich „kleinen“ Länder, die jetzt weitergekommen sind. Es ist doch schön für die, haben sie mitunter eine Lebensfreude durch ihre Fans vermittelt, die hierzulande des Öfteren fehlt! Und letztendlich will ich Fußball sehen, also den Sport, wenn nicht mit deutscher Beteiligung dann eben von anderen, die ihn spannend, leidenschaftlich und sehenswert ausüben.
Das Turnier läuft also jetzt eben ohne uns weiter. Und wir sollten vielleicht alle ein bisschen mehr Dänemark wagen: Ein tiefes Einatmen, ein kurzes Schütteln und ein vor allen Dingen ehrliches „Pyt“.





