Es war das verkehrspolitische Filetstück im Wahlkampf der SPD: Unter dem griffigen Label „26 für 26“ versprach der frisch gebackene Oberbürgermeister Dr. Florian Freund die triumphale Rückkehr des 5-Minuten-Takts bei der Augsburger Straßenbahn. Mobilität als Standortpolitik, ein Turbo für den Einzelhandel, sozialer Ausgleich. Kaum im Amt und bereits bei der dritten Stadtratssitzung unter seiner Führung, soll es nun ganz schnell gehen. Doch statt einer sofortigen Taktverdichtung – von übrigens streckenweise derzeit 7,5 Minuten – schickt der neue Rathauschef das Projekt erst einmal dorthin, wo ambitionierte Versprechen traditionell beerdigt oder zumindest langzeitgeparkt werden: in eine interfraktionelle Arbeitsgruppe.
Das Ganze erinnert dann aber irgendwie – Achtung! in puncto vergeblichem Warten – an Samuel Becketts Theaterklassiker „Warten auf Godot“: Man steht an der Haltestelle, redet viel, hofft inständig, doch am Ende kommt er einfach nicht – der ersehnte Fünf-Minuten-Takt.
Man reibt sich verwundert die Augen. Warum braucht es bitteschön jetzt eine Arbeitsgruppe für Erkenntnisse, die längst auf dem Tisch lagen? Dass dieser Takt ein verkehrspolitisches Luftschloss ist, wussten Insider und wohl auch die Stadtwerke Augsburg (swa) – die im Arbeitskreis vertreten sein wird – sicher schon vor dem Wahltag. Die swa machten aus den Hürden nie einen Hehl: Für eine solche Taktverdichtung fehlen zusätzliche Fahrzeuge, Millionen im Etat und – das schwerwiegendste Argument – schlichtweg die Fahrer.
Blanker Aktionismus statt realer Machbarkeit?
In Zeiten eines eklatanten, bundesweiten Fachkräftemangels im ÖPNV, der die Stadtwerke schon in der Vergangenheit zu Takt-Ausdünnungen zwang, grenzt das Versprechen an politischen Sanftmut. Wenn auf dem Fahrersitz gähnende Leere herrscht, nützt auch der schönste Stadtratsbeschluss nichts. Die jetzt eilig eingerichtete Arbeitsgruppe riecht daher stark nach purem Aktionismus. Sie dient als politischer Airbag, um den unweigerlich drohenden Realitätscheck – „Sorry, wir haben kein Personal“ – parteiübergreifend abzufedern. Scheitert das Projekt, kann der OB seine Hände in Unschuld waschen; schließlich hat die ganze Arbeitsgruppe die Unmachbarkeit festgestellt.
Das Paradoxon der leeren Bahnen
Doch selbst wenn durch ein Wunder morgen Hundert neue Tramfahrer vom Himmel fielen: Ist der 5-Minuten-Takt tagsüber überhaupt das, was Augsburgs Verkehrsprobleme löst? In den Stoßzeiten am Morgen und im Berufsverkehr am Abend ist eine dichte Taktung ohne Frage sinnvoll. Was aber passiert dazwischen?
Schon heute kann man im täglichen Stadtbild beobachten, wie außerhalb der Stoßzeiten tonnenschwere Straßenbahnen nahezu leer hintereinander her rollen – heiße Luft, die auf Schienen durch die Stadt chauffiert wird. Eine pauschale Taktverdichtung um jeden Preis verbrennt vor allem eines: immense Mengen an Steuergeldern für ein Angebot, das zu diesen Zeiten überhaupt keine adäquate Nachfrage erfährt. Zum Wohle der Bürger ist das kaum, eher zum Wohle des politischen Egos.
Das wahre Problem: Die Tarifstruktur bremst die Wende aus
Der größte Denkfehler des neuen Mobilitätskonzepts liegt jedoch tiefer. Florian Freund argumentiert, ein attraktives Angebot schaffe die Nachfrage. Das stimmt aber nur, wenn der Preis stimmt. Und genau hier klafft in Augsburg eine gewaltige Logiklücke.
Wer kein Deutschlandticket besitzt – weil er den ÖPNV beispielsweise nur flexibel oder sporadisch nutzen möchte –, wird beim Ticketkauf an den Automaten der Stadtwerke schnell ernüchtert. Rechnet man die Preise für eine Fahrt vom Stadtrand in die City und zurück zusammen, folgt die bittere Erkenntnis:
Ein Paar fährt hin und zurück etwa vom Park and Ride Oberhausen-Nord für 16,80 € mit dem ÖPNV in die Stadtmitte. (4.20€ einfach)
Die Fahrt mit dem PKW kostet 3,60 € (bei veranschlagten 0,30 € x 12km hin und zurück) + 4 Stunden Parken in der City-Galerie zu 4€ = 7,60€.
Wer als Paar oder kleine Familie ohne Abo mit der Tram in die Stadt pendelt, zahlt für Einzeltickets im Vergleich also oft deutlich drauf – vom Komfort der direkten Fahrt ganz zu schweigen.
Das Auto zu nehmen und ein Parkticket zu lösen, ist für Gelegenheitsnutzer in Augsburg schlicht und ergreifend – trotz gestiegener Tankpreise – immer noch günstiger und flexibler, und schneller, als der ÖPNV.
Was Augsburg braucht, ist keine teure Takt-Kosmetik, die leere Bahnen im Fünf-Minuten-Rhythmus durch die Frauentorstraße jagt, während die Stadtwerke händeringend nach Personal suchen. Es braucht eine radikale Reform der Tarifstrukturen. Der ÖPNV muss finanziell so attraktiv werden, dass der Griff zum Autoschlüssel wehtut. Solange das Parken in der Innenstadt immer noch billiger ist als die Tramfahrt, können die Augsburger an den Haltestellen lange warten. Godot – Verzeihung, die Tram im 5-Minuten-Takt – wird so schnell nicht kommen.





