Wer Intendant André Bücker in der traditionellen Spielzeits-Pressekonferenz genau zuhörte, konnte schon etwas heraushören: Die andauernde Planungsunsicherheit hinterlässt Spuren der Frustration. Dennoch wird mit Hochdruck weitergearbeitet. Auf die Frage, ob man denn am Gaswerk-Gelände für die nächste Spielzeit auch eine Open-Air-Alternative zur Freilichtbühne anbieten könne, zeigte sich die Theaterleitung gewohnt realistisch und ehrlich:
„Das kann ich einfach gar nicht sagen.“ …Es gäbe keine gesicherte Spielstätte. “ Wir haben keine Infrastruktur, die wir hätten einplanen können für das nächste Jahr. Das ist Fakt.“

Zwar wird betont, dass man in der Stadt präsent bleiben wolle – unter anderem mit den Konzerten im Fronhof –, doch eine echte Freilichtbühne in großer Dimension, wie sie das Publikum gewohnt ist, wird es so schnell nicht geben. Politische Versprechungen im Wahlkampf, die Bühne schnell wieder zu öffnen, kann man dieser Tage nur mit einem müden Lächeln kommentieren. Man kann eben nicht mit Spekulationen planen, so der Intendant nüchtern. Für diesen Sommer hat die Stadt zwar noch eine Bühne und Tribüne am Gaswerk ermöglicht, um die geplante Inszenierung zu zeigen – aber für das nächste Jahr gibt es schlichtweg keine Planungssicherheit. Eine große Freilicht-Inszenierung braucht zwei Jahre Vorlauf für Künstlerverträge, Verlage und Regieteams.
Dienst nach Vorschrift? Nicht in Augsburg!
Mit der frisch verkündeten Spielzeit 2026/27 geht das Staatstheater Augsburg nun tatsächlich in seine zehnte Spielzeit an Interims-Spielstätten. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein ganzes Jahrzehnt ohne das eigentliche Stammhaus. Staatsintendant André Bücker und sein Team mussten in diesen Jahren nicht nur die für die Kunst und Kultur existenzbedrohende Corona-Pandemie managen, sondern auch die ewige Großbaustelle des Staatstheaters auffangen.
Natürlich kann man jetzt sagen: „Na und? Das ist nun mal der Job von „gut“ bezahlten Angestellten an einem Staatstheater.“ Aber es gibt eben zwei Wege, ein solches Schicksal zu verwalten: Entweder man macht frustrierten Dienst nach Vorschrift – oder man wird radikal innovativ.
Das Augsburger Haus hat sich für Letzteres entschieden. Das beste Beispiel dafür ist die Digital Sparte, die mittlerweile seit sechs Jahren existiert. Was einst aus der Not der Corona-Pandemie geboren wurde, hat eindrucksvoll bewiesen, was alles möglich ist, wenn kreative Kulturschaffende einfach mal loslegen (dürfen).

Der Kontrast: Abbau am Kennedyplatz, Aufbau im Digitalen
Es ist ein faszinierendes, fast schon paradoxes Schauspiel, das sich in der Fuggerstadt bietet:
Am Kennedyplatz wird gefühlt mit jedem weiteren Jahr der Verzögerung die Hoffnung der Menschen abgebaut, dass das traditionsreiche Staatstheater jemals wieder seine Pforten öffnen wird. Die Akzeptanz für die ewige Baustelle schwindet in der Bevölkerung verständlicherweise von Tag zu Tag. Im virtuellen Raum hingegen wird geklotzt statt gekleckert. Mit der mittlerweile 50. Produktion in der Digital Sparte wird dieser innovative Baustein am Augsburger Haus stetig und erfolgreich ausgebaut.
Der jüngste Tiefschlag für alle Traditions-Fans war nun allerdings die Schließung der Freilichtbühne am Roten Tor. Zugegebenermaßen die historische Stätte und die Technik gehörten schon längst saniert, aber nun musste sie definitiv dichtgemacht werden. Und so fehlte in der Pressekonferenz zur neuen Saison genau das, worauf die Augsburger jedes Jahr hinfiebern: Die große Ankündigung, welches Musical oder welche Oper unter freiem Himmel gegeben wird. Zum Ende dieser Saison gab es dazu aber einfach schlicht keinen Hinweis: Ungeheuerlich!
Weil eben ohne feste zugesicherte Spielstätte keine Planungssicherheit existiert.
Das neue Motto: »ungeheuer« durch die Saison 2026/27
Trotz des Freilicht-Frusts lässt sich das Team um André Bücker aber nicht unterkriegen. Unter dem treffenden Spielzeitmotto »ungeheuer« zeigt das Haus in der kommenden Saison 24 Premieren in den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Ballett und Digitaltheater. Man stellt sich den Krisen der Gegenwart und dem Gefühl des Monströsen und Unfassbaren unserer Zeit, und auch irgendwie damit dem direkt vor der Haustüre.
Hier die wichtigsten Highlights, auf die wir uns trotz Interim freuen können:
Zurück in die Innenstadt: Das Staatstheater besetzt mit dem »mephisto« (dem ehemaligen Kino in der Karolinenstraße) ab Ende Oktober eine brandneue Spielstätte. Ein starkes Signal mitten in der City!
Die Fronhofkonzerte ziehen um: Das Staatstheater übernimmt ganz neu die traditionsreichen Konzerte im Fronhof und rettet damit ein wichtiges Stück Augsburger Sommerkultur.
Digitales Highlight: Passend zum Jubiläum wartet das Digitaltheater im Oktober 2026 mit »Kafka / Ich« auf – einer interaktiven VR-Begegnung, die sich intensiv mit dem Thema Künstliche Intelligenz auseinandersetzt.
Klassiker im martini-Park: Auch das Schauspiel und Musiktheater liefern ab – von Shakespeares Macbeth über Verdis Luisa Miller bis hin zur Opern-Uraufführung von „Die Verwandlung“ (ebenfalls nach Kafka).
Am Kennedyplatz mag der Beton ruhen, aber im Inneren der Augsburger Theatermaschinerie brodelt es gewaltig. Die zehnte Interims-Spielzeit wird vielleicht kein Spaziergang im Sonnenschein der Freilichtbühne, aber sie wird garantiert eines: ungeheuer spannend. Und während das Publikum die Sanierungs-Baustelle nach all den Jahren kaum noch nachvollziehen kann, hält das Theater an einem Ziel fest: Das Publikum so lange zu binden, bis das Große Haus irgendwann tatsächlich wieder öffnet.





