Was nicht passt, wird passend gemacht? Die Hintergründe um die neuen „Fraktions-Gemeinschaften“ in Augsburg

Ein Teil der neuen Augsburger Stadträte und Stadträtin wird vereidigt. Darunter Iris Steiner (Bündnis FDP/Pro Augsburg, 5.v.l.) und Thorsten Frank (Volt Augsburg, 3.v.re.).

In der Augsburger Kommunalpolitik brodelt es. Das Thema klingt trocken – „Änderung der Geschäftsordnung“ – doch dahinter verbirgt sich eine Debatte um Macht, Einfluss und, wie so oft, das liebe Geld. Die Kernfrage lautet: Darf man sich im Stadtrat einfach zusammenschließen, um finanziell besser dazustehen, auch wenn man politisch eigentlich getrennte Wege geht?

In Zeiten, in denen der städtische Haushalt alles andere als üppig ist, schaut jeder genau hin. Zusammenschlüsse zu größeren Einheiten (Fraktionsgemeinschaften) bringen handfeste Vorteile:

  • Höhere Fraktionsgelder: Mehr Mittel für Personal, Öffentlichkeitsarbeit und Infrastruktur.
  • Einfluss: In der Hierarchie des Rathauses wiegt die Stimme einer großen Gemeinschaft schwerer als die eines Einzelkämpfers.
  • Evtl. eine bessere  Ausschussbesetzung: Wer größer ist, könnte mehr Sitze in den entscheidenden Gremien erhalten und bestimmt den Kurs der Stadt direkter mit.

Eigentlich ist die Sache durch die bayerische Rechtsprechung (u.a. VGH Bayern) klar geregelt: Ein Zusammenschluss ist kein rein technischer Vorgang zur „Ressourcen-Akquise“. Wer eine Fraktion bildet, muss eine „gemeinsame Grundanschauung“ und ein echtes Sachprogramm und nicht nur Bekundungen zum Wohle der Stadt via TikTok und Co.  vorweisen. Man muss also politisch an einem Strang ziehen, nicht nur am selben Geldbeutel.

Konkret: 

Das Bündnis zwischen Iris Steiner (FDP/Pro Augsburg), Generation Aux (Raphael Brandmiller, Julia Engelsmann und
Ana Babic) sowie Die PARTEI (Lisa McQueen) wirft Fragen auf und wird in Augsburg tatsächlich sehr kontrovers diskutiert, besonders wenn man die Vorgeschichte und die spezifischen lokalen Ziele der Beteiligten betrachtet. Und führte bereits zu Parteiaustritten von Mitgliedern und Vorstands Rücktritten bei „Die Partei“.

Ursprünglich sollte Iris Steiner als gemeinsame Kandidatin für ein breiteres bürgerliches Lager antreten („mitte.augsburg“), zu dem auch die Freien Wähler gehörten. Dieses Bündnis zerbrach jedoch wie bekannt spektakulär.

Dass Steiner nun, nachdem das bürgerliche Projekt mit den Freien Wählern scheiterte, eine Gemeinschaft mit der satirischen PARTEI und der progressiv-alternativen Generation Aux eingeht, wirkt auf viele Beobachter wie eine rein rechnerische Flucht nach vorn, um den Fraktionsstatus zu retten.

Steiner betonte für Augsburg klassische Themen, die eigentlich diametral zu den Ansätzen ihrer neuen Partner stehen könnten: Sie trat an für Effizienz in der Verwaltung, eine wirtschaftsfreundliche Politik, die Förderung des Einzelhandels und eine „bürgerliche Mitte“. Ihre Wurzeln liegen in der CSU, was sie ideologisch eher am rechten Rand dieses neuen Dreier-Bündnisses platziert.

Lisa McQueen und Generation Aux stehen für Themen wie „Wohnen First“, radikale kulturelle Freiräume und oft unkonventionelle, linksprogressive Stadtpolitik. Während Steiner „Lösungen statt Labels“ fordert und eine seriöse, unternehmerisch geprägte Sachpolitik für die Stadtgesellschaft verfolgt, nutzt Die PARTEI das Parlament oft als Bühne für Satire. Kritiker fragen sich, wie Steiner ihre Forderung nach „Verlässlichkeit“ und „bürgerlicher Vernunft“ halten will, wenn sie mit einer Gruppierung stimmt, deren Kernkonzept die Parodie des Politischen ist.

Die Fraktionsgemeinschaft aus SPD um Oberbürgermeister Florian Freund , ÖDP mit Stadtrat Christian Pettinger und Volt (Thorsten Frank) in Augsburg (konstituiert im Mai 2026) stellt im Vergleich zum Bündnis um die FDP-ProAugsburg/Generation Aux/Die Partei eine stabilere, aber dennoch nicht spannungsfreie Konstellation dar. Während hier mehr inhaltliche Überschneidungen existieren, liegen die Probleme eher in der Dominanzverteilung und spezifischen Dogmen.

Nur ein Beispiel: Während Volt die Stadtverwaltung massiv digitalisieren will („Smart City“), fordert die ÖDP explizit ein „Recht auf analoges Leben“ und warnt vor Digitalzwang. Hier prallen zwei völlig verschiedene Weltanschauungen innerhalb einer Fraktion aufeinander.

Die Crux in Augsburg derzeit : Durch die  Aufweichung der Geschäftsordnung scheint dieser ursprüngliche inhaltliche Zwang zur Bildung einer Fraktionsgemeinschaft in den Hintergrund zu rücken. Was die Rechtsprechung als „Hürde“ zum Schutz der Wählerstimmen vorsieht, wird hier zur Formsache degradiert. In  der ersten konstituierenden Stadtratssitzung wurde dieser Punkt schon behandelt, noch ist er aber nicht vom Tisch und könnte von der  Rechtsaufsichtsbehörde kassiert werden.

Wenig überraschend sorgt das nämlich für massiven Zündstoff. Die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, die sich in dieser Frage natürlich in der Oppositionsrolle wiederfindet, geht hart mit den Plänen ins Gericht. Ihr Argument: Der Wählerwille wird ignoriert, wenn sich Gruppen nur aus „strategischen Gründen“ zusammentun.

In einem aktuellen Antrag fordern sie:

„Eine rein strategische Fraktionsbildung zur Akquise von materiellen Ressourcen ist auszuschließen, der Wille der Wähler*innen ist ausschlaggebend und zu respektieren.“

Für die Grünen ist klar: Wer als X gewählt wurde, soll nicht plötzlich mit Y eine „Zweck-Ehe“ eingehen, nur damit am Ende des Monats mehr Budget auf dem Konto landet.

Natürlich ist es legitim, Strukturen effizient zu gestalten. Doch wenn die Geschäftsordnung so hingebogen wird, dass politische Inhalte nebensächlich werden, bleibt ein fader Beigeschmack. Gerade wenn das Geld nicht mehr „locker in der Tasche sitzt“, wirkt es auf die Bürger befremdlich, wenn im Rathaus neue Wege gesucht werden, um die staatliche Förderung zu optimieren.

Die Debatte zeigt: In Augsburg wird gerade mit dem Rechenschieber Politik gemacht. Ob das „Passendmachen“ von Fraktionen am Ende dem Bürger dient oder nur der Verwaltung der eigenen Macht, bleibt abzuwarten. Noch ist die neue Regierung gerade mal eine Woche im Amt. Eines ist sicher: Die rechtlichen Leitplanken aus München waren eigentlich dazu da, genau solche „Ehen aus Verzweiflung“ zu verhindern.