Vorhang auf im Goldenen Saal: Ein Augsburger Polit-Drama in zwei Akten

Der älteste im Stadtrat Bernd Kränzle übergibt dem neuen Oberbürgermeister Florian Freund die Amtskette.

Wer am Montag den Goldenen Saal des Augsburger Rathauses betrat, hätte fast glauben können, die Eintrittskarte an der Theaterkasse gelöst zu haben. Die konstituierende Sitzung des neuen Stadtrats war kein trockenes Behörden-Event, sondern ein perfekt choreografiertes Stück Realpolitik – inklusive Pathos, kleinerer Plot-Twists und einer Opposition, die ihre Rolle bereits am ersten Tag meisterhaft beherrschte.

1. Akt: Die feierliche Amtseinführung – Ein Vorspiel in Gold

Der erste Teil gehörte ganz der Tradition. Unter den massiven Goldverzierungen des Saales wurde der neue Oberbürgermeister vereidigt. Es war der harmonische Part der Inszenierung: Bernd Kränzle, der als Ältester des Stadtrates den Tag eröffnete, gab den väterlichen Mentor, während die Klänge von Queen („Don’t Stop Me Now“) das Signal zum Aufbruch gaben. In den Gesichtern der Zuschauer sah man Einigkeit – doch wer genau hinschaute, wusste: Das eigentliche Drama folgt erst nach der Pause.

2. Akt: Das Casting der Referenten – Wenn die Koalition Risse zeigt

Die neue Stadtregierung (v.l.): Martin Schenkelberg, Roland Barth, 2. Bürgermeister Dirk Wurm, OB Florian Freund, 3. Bürgermeister Bernd Zitzelsberger, Tatjana Dörfler, Steffen Kercher und Frank Pintsch.
Die neue Stadtregierung (v.l.): Martin Schenkelberg, Roland Barth, 2. Bürgermeister Dirk Wurm, OB Florian Freund, 3. Bürgermeister Bernd Zitzelsberger, Tatjana Dörfler, Steffen Kercher und Frank Pintsch.

Im zweiten Akt wechselte das Genre vom Kammerspiel zum Polit-Thriller. Es ging um die Besetzung der Referentenposten und die Wahl der Bürgermeister. Hier wurde deutlich, dass die neue „Augsburg-Koalition“ zwar steht, aber bereits jetzt unter massivem Druck steht.

Die Grünen nahmen ihre neue Rolle als Opposition mit Bravour ein. Fast schon im Minutentakt gab es Nachfragen, Einwände und eigene Personalvorschläge – auch wenn hinter den Kulissen längst klar war, wer das Rennen machen würde. Es war ein klassisches politisches Manöver: Präsenz zeigen, den Finger in die Wunde legen und klarmachen, dass man nicht einfach nur abnickt.

Der Plot-Twist: Die Kandidatur der Melanie Melitta Hippke

Für das größte Raunen im Publikum sorgte die überraschende Kandidatur von Melanie Melitta Hippke als dritte Bürgermeisterin. Während das Skript eigentlich den Kandidaten der Koalition vorsah, trat die grüne Sozialexpertin an und holte beachtliche 18 Stimmen.

Dieser Moment war mehr als nur eine symbolische Geste. Zum Vergleich: Der offizielle Kandidat der neuen Mehrheitsverhältnisse kam auf 29 Stimmen – und wurde gewählt, da einige Stadtratsmitglieder ihre Stimmzettel ungültig machten und somit die knappe Mehrheit der gültigen Stimmen es für Bernd Zitzelsberger reichte. Rechnet man kurz nach, wird klar, wie hauchdünn dieses Eis ist. In einem Gremium von 60 Stadträten plus einer Stimme des Oberbürgermeisters bedeutet dies: Eine Stimme weniger, und das „Theaterstück“ wäre in ein Desaster für die neue Regierung gekippt. Die Disziplin in den eigenen Reihen war gerade noch ausreichend, aber die „Zitterpartie“ lässt tief blicken.

Fazit: Applaus oder Buhrufe?

Die konstituierende Stadtratssitzung der Stadtratsperiode 2026 bis 2032
Die konstituierende Stadtratssitzung der Stadtratsperiode 2026 bis 2032

Die Inszenierung im Goldenen Saal ist geglückt, die Rollen sind verteilt. Doch die Premiere hat auch gezeigt, dass die Opposition – allen voran die Grünen – nicht gewillt ist, nur als Statisten am Rand zu stehen. Wenn die Koalition bei jeder Personalentscheidung um einzelne Stimmen bangen muss, könnten die nächsten sechs Jahre im Augsburger Stadtrat noch einige dramatische Wendungen bereithalten.

Vertrauen braucht Zeit – doch am Montag hat man vor allem gesehen, wie schnell politische Mehrheiten im Scheinwerferlicht des Goldenen Saals schmelzen können.

Und beinahe hätte die Fortsetzung  des Theaterstücks verschoben werden müssen. Nicht weil es im tatsächlichen Staatstheater brannte – zum Glück nur ein paar Dachplatten – sondern weil der Tag schon an Formalitäten scheitern hätte können, wenn Roland Wegner seine angedrohte Rüge in die Tat umgesetzt  hätte. Konkret: die Ladefrist zur Sitzung wurde nicht eingehalten. Letztendlich wurde diese Möglichkeit nicht genutzt.

Es bleibt ein Theaterstück, dem weitere Akte folgen werden.