Oberbürgermeister Florian Freund (li.) Und Digitalminister Fabian Mehring.

Rot- grün-weiße Augsburger Gschichten

Augsburg erstrahlte pünktlich zum Bundesliga-Heimspiel-Auftakt des FC Augsburg in Rot-Grün-Weiß. Die Stadt und die Region wurden die letzten Tage großflächig in den Stadt- und Vereinsfarben gebrandet. Flagge zeigen, wer hier das Sagen hat. Dumm nur, dass im Stadion beim Auftakt gegen die Schalker, deren Fans in blau-weiß auf den Rängen gar nicht so leicht zu übersehen waren. Und auch nach dem spielerisch perfekten Sieg (3:0) des Gastgebers wurde klar: Der FCA ist nach dem „sexy“ Experiment der „Vorbrand-Saison“ nun wieder voll und ganz in seiner angestammten Rolle angekommen. Natürlich nicht als Underdog, nach 16 Jahren Bundesliga gehört man schließlich zum Inventar. Aber wenn fast die gesamte Sportpresse ähnlich titelt à la „Schalke hat verloren“ oder „Schalke hat die Bundesliga Rückkehr verpatzt“ etc. und eben nicht „Augsburg gewinnt!“. Dann weiß man, wer einfach in den Köpfen als Traditionsverein verankert ist. Das sprach auch Augsburgs Sportdirektor Benni Weber nach dem Spiel in der Mixed Zone an, sprach jedoch von Demut und dem Wissen um die eigene Rolle, die man aber gerne annehme. Nun ohne großes Brimborium zu agieren, tut derzeit ganz gut. Denn bei den beinahe geräuschlosen Neuverpflichtungen auf dem Transfermarkt zeigte sich bereits im Spiel: Weniger Tamtam ist manchmal einfach mehr.

Vom Fussball zur Politik 

Weniger Tamtam hätte man vielleicht auch dem neuen Oberbürgermeister Florian Freund vor seinem ersten Plärrer-Anstich gewünscht. Wer im Vorfeld auf Social Media werbewirksam das Training am Fass inszeniert, wird schließlich an der Schlagzahl gemessen. Am Ende brauchte es nämlich sieben Schläge. Der OB lächelte die vergleichsweise vielen Versuche zwar charmant weg. Dass sein zweiter Bürgermeister Dirk Wurm dabei wie selbstverständlich auf der Bühne stand und statt im Hintergrund vorne dran eine tragende Rolle einnahm, ging im Bierschaum und Freibiertrubel fast unter. Am Tag darauf beim Umzug ließ sich Freund das Heft aber nicht aus der Hand nehmen und sicherte sich Sympathiepunkte beim Volk. Von der Moderation motiviert, sprang er von der Bühne und tanzte kurzerhand mitten auf der Straße mit einer Folkloregruppe mit. Eine Welle der Spontanität, die sofort ansteckte: Die beiden anwesenden Staatsminister, Markus Blume (Kunst und Wissenschaft) und Fabian Mehring (Digitales), die dieses Mal die ranghöchste Vertretung der Bayerischen Staatsregierung repräsentierten, nachdem der Ministerpräsident abgesagt hatte,  zogen direkt nach und schwangen ebenfalls das Tanzbein.

Altoberbürgermeisterin Eva Weber muss Stadtrats-Sitz räumen

Die eigentliche politische Nachricht des Tages machte  dann aber beim anschließenden Treffen im Binswanger Zelt die Runde. Die abgewählte Oberbürgermeisterin Eva Weber verliert nun auch ihr Stadtratsmandat. Der Hintergrund ist ein bürokratischer Slalom. Um ihren Beamtenstatus samt Pensionsansprüchen für den bevorstehenden Wechsel in ein Münchner Ministerium rechtlich abzusichern, muss sie kurzzeitig in die Augsburger Stadtverwaltung zurückkehren. Die ihr im Ferienausschuss vom OB übertragene Leitung des Amts für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen (AGNF) wird sie zwar praktisch gar nicht antreten (sie hat noch Überstunden und nicht genommenen Urlaub), aber formal gilt: Wer Verwaltungsbeamter der Stadt ist, darf nicht gleichzeitig im Stadtrat sitzen.

Damit ist die Frau, die bei der Kommunalwahl als Einzelperson die meisten Stimmen für ihr Stadtratsmandat geholt hatte, aus dem Gremium raus. Verwaltungsrechtlich ist das alternativlos und korrekt. Aber politisch stellt sich die Frage: War eine andere Lösung wirklich unmöglich? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn bekanntlich ist die Steigerung von „Feind“ ja „Parteifreund“. So manchem Parteikollegen dürfte es mit Blick auf die nächsten Wahlen in Land, Bund und spätestens in sechs Jahren bei der nächsten OB-Wahl gar nicht so unrecht sein, dass eine prominente Konkurrentin nicht mehr vom Stadtratssessel aus Politik macht. Die neue Stadtregierung dürfte die frühere Chefin der Stadt auch nicht wirklich vermissen.

Am Ende bleibt von diesem rot-grün-weißen Wochenende die Erkenntnis: Egal ob auf dem Rasen, auf dem Parkett oder im Stadtrat: die spannendsten Spielzüge finden hinter den Kulissen statt.